DIE EUREGIONEN - EINE CHANCE FÜR DIE VERMITTLUNG DER REGIONALEN GESCHICHTE UND KULTUR

Aufgezeigt am Beispiel Allgäu/Kleinwalsertal und Berchtesgadener Land/Traunstein/Salzburg

Hans Roth

Kultur kennt keine Grenzen. Sie verbindet vielmehr über politische Grenzen hinweg, äußert sich sowohl durch Gemeinsamkeiten in Sprache und Wesensart der Menschen als auch in der gemeinsamen geschichtlichen und kulturellen Entwicklung eines Grenzraumes.

Die Bildung der Europäischen Union und der damit verbundene Grenzabbau ließen seit 1995 in den Grenzräumen Bayerns EuRegionen (Kurzbegriff für „Europa-Regionen") für eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf den Gebieten der Wirtschaft, des Tourismus, der Raumplanung, des Umwelt- und Naturschutzes und auch der regionalen Kulturpflege entstehen. Sinn dieses Zusammenschlusses von Gemeinden und Gebietskörperschaften ist es, bisher bestehende Entwicklungshemmnisse beiderseits der Grenze abzubauen und Beziehungen zwischen Gemeinden, Bürgern, Vereinen und Verbänden aufzubauen durch gegenseitige Information, Erfahrungsaustausch, gemeinsame Projekte und Initiativen.

Gerade für die Kulturpflege bietet der Grenzabbau die Chance, an unterbrochene Gemeinsamkeiten der Vergangenheit wieder anzuknüpfen, wofür der Europäische Fond für regionale Entwicklung (INTERREG III A) Fördermittel zur Verfügung stellt - Mittel, die auch grenzüberschreitenden Forschungsprojekten der historischen Vereine und der Publikation von Dokumentationen zugute kommen können, wenn die Kriterien hierfür erfüllt sind. Durch eine Vielzahl von Aktivitäten wie Ausstellungen, Volksmusikveranstaltungen, Mundartlesungen, die Ausrichtung von Symposien mit regionalgeschichtlicher Themenstellung kann das kulturelle Erbe eines Grenzraumes den Bürgern vermittelt und das geschichtliche Bewusstsein der Bevölkerung für ihren gemeinsamen Lebensraum geschärft und vertieft werden.

An zwei Beispielen im Westen und Süden Bayerns sollen Aktivitäten im bayerisch-österreichischen Grenzraum aufgezeigt werden, die aus Mitteln dieser Gemeinschaftsinitiative mitfinanziert wurden. Desgleichen bestehen grenzübergreifend wirkende Aktivitäten zwischen Bayern und der Tschechischen Republik, so die „EuRegio Egrensis" im Dreiländereck Bayern-Sachsen/Thüringen-Böhmen und die EuRegio Bayerischer Wald/Böhmerwald.

Die „EuRegio via salina"

Dieses bayerisch-österreichische Fördergebiet gilt dem geographischen Raum, der sich zwischen zwei ehemals bedeutenden Salzstraßen erstreckt. Er reicht im Norden bis Buxheim, im Süden bis zum Fernpass, im Osten bis zum Lech und überschreitet im Westen ein wenig die Grenze zu Württemberg, umfasst also die bayerischen Landkreise Lindau, Oberallgäu und Ostallgäu, den Vorarlberger Verwaltungsbezirk Bregenz (Bregenzer Wald und Kleinwalsertal) sowie den Nordtiroler Bezirk Reutte (Außerfern). Schon mit der historischen Bezeichnung „via salina" wird auf den früher pulsierenden Fernverkehr verwiesen, der über viele Jahrhunderte das Allgäu mit Vorarlberg, Tirol und mit dem Süden, aber auch über den Bodensee mit der Schweiz verband und sich nicht nur auf den Warenverkehr beschränkte, sondern die Route für einen ständigen geistig-kulturellen Transfer bildete.

Sozusagen als „Handschlag, hinweg über Grenzen, die nicht trennen, sondern verbinden", wurde als nachahmenswertes EuRegio-Pilotprojekt von Dr. Wolfgang Haberl, dem Stadtheimatpfleger und ehemaligen Stadtarchivar von Kempten, ein Lexikon für diesen Kooperationsraum erarbeitet, das nicht nur die kulturellen, sondern auch die wirtschaftlichen, sozialen und familiären Wechselbeziehungen zwischen den ehemaligen Territorien und Kulturlandschaften mit rund 750 Stichworten darstellt („Allgäu, Außerfern, Kleinwalsertal, Bregenzerwald", Verlag Tobias Dannheimer, Kempten 2002, 428 Seiten).

Die EuRegio Salzburg - Berchtesgadener Land – Traunstein

 Eine eigene Fachgruppe „Kultur" innerhalb dieser EuRegio initiiert und koordiniert Projekte im Sinne der Förderung der Regionalkultur, der Geschichtspflege, denkmalpflegerischer Maßnahmen und der Entwicklung und Gestaltung von Programmangeboten im Rahmen der Lehrerfortbildung, der Jugend- und Erwachsenenbildung sowie der Vermittlung von Kontakten zwischen Kunst- und Kulturschaffenden.

Zu den realisierten Projekten zählen:

- die Herausgabe von Wanderkarten mit Begleittexten, die z.B. den Heimatmuseen und ihren inhaltlichen Schwerpunkten oder den obertägigen römerzeitlichen Denkmälern im EuRegio-Gebiet gelten, die kostenlos abge­geben werden und für Schulausflüge, Exkursionen und für kulturelles Erlebniswandern bestimmt sind;

- handliche Führer mit Übersichtskarten zum Thema „Mühlen & Klausen - Industrie am Wasser erleben", 48 S. mit Abb.; „Burgen & Schlösser", 117 S. mit Abb.; weiter „Ausflugsziele für Jung und Alt", „Raderlebnis", „Mozart Radweg", „Erlebnis Natur" (kostenlose Abgabe über die Gemeinden und Tourismus-Büros);

- finanzielle Förderung grenzüberschreitende Ausstellungen, wie z.B. über den Barockbildhauer Balthasar Permoser (2001: Otting bei Waging und Salzburger Barockmuseum), „Heilige Gräber als Zeugen barocker Frömmigkeit" (2003: Museum Traunstein und Salzburger Barockmuseum; Katalog 126 S. mit Abb.); den „Barockmaler Johann Michael Rottmayr" (2004: Stadt Laufen und Salzburger Dommuseum, mit Katalog); den Rokokobildhauer „Johann Georg Itzlfeldner" (2005: Heimatmuseum Tittmoning und Salzburger Barockmuseum) - Ausstellung, die ohne EU-Förderung nicht realisierbar gewesen wären;

- unter dem Serientitel „Schätze der Kulturlandschaft" die vollständige Erfassung der Klein- und Flurdenkmäler auf Gemeindeebene in Form einer Internet-Datenbank, mittels derer Entstehungszeit, Gestalt und Erhaltungszustand von Kapellen, Bildstöcken, Wegkreuzen, historische Grenzsteine usw. abgefragt werden können (www.kleindenkmaeler.com);

- eine CD-ROM Reihe „Bräuche im Salzburger Land" und im anschließenden bayerischen EuRegio-Raum mit umfassenden Ton- und Videosequenzen, historischen Texten, wissenschaftlichen Dokumenten, Kommentaren, Literatur und Liedgut, erfasst und interaktiv aufbereitet von Volks­kundlern und Historikern für unterschiedliche Zielgruppen; 1. Teil „Im Winter und zur Weihnachtszeit" (2002), 2. Teil „Vom Frühling bis zum Herbst" (2003), 3. Teil „In Familie und Gesellschaft" (2004).

- ebenfalls 2004 erschien eine Publikation dem Titel „Heimat mit Geschich­te und Zukunft", womit die gemeinsame Geschichte, Sprache und Kultur der Grenzregion dargestellt wird und die vor allem den Schulen als Unter­richtshilfe dienen soll (Redaktion: Univ.-Prof. Dr. Heinz Dopsch, Salzburg unter Mitwirkung mehrer Fachleute; Umfang 128 S., mit zahlreichen farbigen Abbildungen). Gegen Portoersatz zu beziehen bei der EuRegio-Geschäftsstelle, Sägewerkstraße 3, 83395 Freilassing, (Tel. 08654/772-109, Fax 086 54/7 72-112).

Zu den laufenden Aktivitäten zählen Veranstaltungen zur grenzüberschreitenden Lehrerfortbildung („Möglichkeiten zur Vermittlung von Regionalgeschichte") sowie die Erfassung des gegenwärtigen dialektalen bzw. umgangssprachlichen Sprachgebrauchs durch Interviews, aufgenommen auf Minidisks und in Lautschrift transkribiert und der Vergleich dieser Daten mit jenen aus Erhebungen, die vor 10-20 Jahren durchgeführt wurden mit dem Ziel einer Publikation in Form eines Dialektbuches, eventuell in Verbindung mit einer CD-ROM.

Die Inanspruchnahme der EU-Fördermittel setzt voraus, dass sich die Historischen Vereine und kulturellen Institutionen in die Projekte beratend und ehrenamtlich mitarbeitend einbringen und Träger für diese Maßnahmen (z.B. Gebietskörperschaften, Bildungswerke etc.) gefunden werden können.