Vortrag am 12. 5. 2006 in Landsberg

zum 100. Jubiläum des

Historischen Vereins für Stadt und Landkreis Landsberg e.V.

 von Prof. Dr. Manfred Treml,

Vorsitzender des Verbands Bayerischer Geschichtsvereine

 

Grußwort

 

Vom Wert des Regionalen. Ein bildungsbürgerliches Bekenntnis

„Willst du am Ganzen dich erquicken,

  musst du das Ganze im Kleinsten erblicken.“

 

Altmeister Goethe hat dieses philosophische Postulat schon vor zweihundert Jahren formuliert.

Mit der Frage nach dem Verhältnis von Teil und Ganzem ist ein Spannungsfeld angesprochen, hinter dem unterschiedliche Welt- und Menschenbilder erkennbar werden und das mit seinen Ausprägungen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft bis heute beeinflusst. 

Hinter den Anspruchshorizonten von

  • Globalisierung und Regionalismus,

  • Zentralismus und Föderalismus,

  • Weltzivilisation und Regionalkultur,

um nur einige Aspekte zu nennen, stehen konträre Sichtweisen:

  • Ist das Ganze entscheidend, so gehen die Teile in ihm auf,

  • sind die Teile wesentlich, so konstituieren sie erst das Ganze.

In einem föderalistischen Staatswesen wie der Bundesrepublik Deutschland sollten die Verhältnisse in diesem Punkte zwar klar sein. Stattdessen aber ist es geradezu zur Mode geworden ist, alle unliebsamen Entscheidungen vor allem im Bereich der Kulturpolitik mit dem Verdikt „Kleinstaaterei“ zu belegen und damit den preußisch-nationalen Parolen eines Wilhelm Treitschke erneut zu erliegen, und dies mit dem Wissen um die nationalistischen und zentralistischen Irrwege der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. 

Wie eine intellektuelle Mode grassiert die Abwertung des Regionalen auch in anderen Bereichen:

  • in den an globalen Märkten interessierten Wirtschaftsunternehmungen,

  • in den aufs Universale zielende Wissenschaften,

  • in einer weltbürgerlich-internationalisierten Weltzivilisation,

  • und nicht zuletzt in den auf Zentralisierung angelegten politischen Prozessen der europäischen Einigung.

Kann man angesichts einer derartigen Phalanx an mächtigen Interessenvertretern überhaupt noch das Lob des Regionalen singen? Lässt sich unter dem Vorzeichen einer, wie es scheint, schicksalhaften Globalisierung und mitten im High-Tech-Zeitalter noch für regionales Geschichtsbewusstsein eine Bresche schlagen?

Man kann, ja man muss es tun und den Gegenstand zu diesem Zwecke etwas genauer betrachten. Ich tue dies in drei Abschnitten:  

  • Zunächst wende ich mich „Heimat“ und „Region“ zu,  

  • dann betrachte ich Geschichtskultur und Geschichtsbewusstsein in ihrer regionalen Ausprägung,  

  • in einem dritten Teil befasse ich mich mit der wissenschaftlichen Vermittlung durch die universitäre Landes- und Regionalgeschichte, 

  • um schließlich in einem vierten Abschnitt die Rolle und Bedeutung der Geschichtsvereine in diesem Kontext zu erörtern. 

 

Region und Heimat

Wenden wir uns also zunächst den Erklärungsversuchen zu „Region“ und „Heimat“ zu.

An Begriffsdefinitionen und an Gedrucktem fehlt es wahrlich nicht. Die Beiträge zur Regionalismusforschung sind ebenso Legion wie die Publikationen einer überbordenden Heimatdiskussion. Trotz aller Unterschiede der wissenschaftlichen Perspek­tiven und der politischen Standpunkte zeichnen sich inzwischen aber einige zentrale Ergebnisse ab, insbesondere die konstruktivistische, die funktionalistische und die subjektivistische Öffnung des Regionsbegriffes, wie Bernd Schönemann in einem bemerkenswerten Aufsatz kürzlich festgestellt hat.

Als erkenntnistheoretisches wie historisch-soziales Konstrukt ist die Region demnach immer funktional definiert und von einem subjektiven Moment, nämlich dem in der Gesellschaft vorhandenen Bewusstsein von der regionalen Vergangenheit abhängig.

Daraus ergibt sich eine Pluralität an Regionstypen, die sich alle auf einer mittleren Position im Raumspektrum zwischen der lokalen und Nationalstaatsebene befinden. Dieser subjektiv wahrgenommene Raum schafft ein Regionalbewusstsein, ein Wir-Gefühl, eine regionale Identität, in die sich allerdings nur ein Teil der Bewohner einbezogen fühlt.  

Auch die Heimat lässt sich, nüchtern auf den Punkt ge­bracht, wissenschaftlich kategorisieren und in folgenden Dimensionen beschreiben:  

1. topografische Dimension

Ein prägender Faktor ist der Raum, der häufig mit einem bestimmten Landschaftsbild und sub­jektiv erlebter Natur in Verbindung steht.  

2. zeitlich-biografische Dimension

Kulturelle Begründungen heben meist besonders auf Geschichte, Brauchtum und traditionelle Lebenswelten ab und sind durchwegs mit dem Faktor Zeit verbunden.  

3. psychosoziale Dimension

Ohne soziale Beziehung und Kommunikation ist Heimat nicht denkbar, beginnend mit Soziali­sation und Erziehung, später geprägt durch Freundeskreis, Arbeitsplatz etc.  

Daneben beschreiben ein biologistischer Ansatz Heimat als "Territorialität", als "anlagebedingten Raumanspruch des Menschen" und eine psychologisch - mentale Begründung als Hort von Geborgenheit, als ganz­heitliches Idealbild oder als Seelenlandschaft. Neuerdings wird Heimat als Erlebnisraum ästhetisiert und zur Grundlage für das „Projekt schönen Lebens“ gemacht. 

Eine empirische Studie aus dem Jahre 2003 bestätigt viele dieser theoretischen Beschreibungselemente und lässt insgesamt erkennen: Heimat hat einen erstaunlich hohen Stellenwert, der Begriff löst positive Gefühle aus, Gefühle der Verbundenheit und Zugehörigkeit, des Wohlbefindens und der Zufriedenheit, der Geborgenheit und der Sicherheit. Die sozialen Kontakte, an der Spitze die in der Familie, dann mit Freunden, Bekannten und Kollegen, nehmen den obersten Rang ein, danach folgen ortsbezogene  Assoziationen, kulturelle Eigenheiten, insbesondere lokales Brauchtum, Mundart, kulinarische Spezialitäten, und schließlich als eigenständiger Faktor Landschaft und Natur.

Heimat ist auch – inzwischen anerkannt von fast allen Autoren – ein Lernfeld von hohen Graden, der innerste Lebenskreis, der schon in der aufgeklärten Pädagogik Pestalozzis eine zentrale Rolle spielte. 

Freilich ist bei jedem dieser Lernprozesse zu berücksichtigen, dass es von Raum, Zeit und individueller Lebensgeschichte geprägt sehr unterschiedliche Heimaterfahrungen gibt, die nicht beliebig aus­tauschbar sind und die in ihrer Eigenständigkeit re­spektiert werden müssen.

Andernfalls würde Heimat zum Instrument der Ausgrenzung oder des Zwanges, wie sie es in der Vergangenheit nicht selten auch gewesen ist. Das Gastarbeiterkind, der jüdische Mitbürger, der junge Sinto, aber auch der in eine Region Zugezogene, der durch berufliche Mobilität der Eltern oder auch aus Überzeugung "Heimatlose" soll die Chance erhalten, eine ihm fremde Landschaft und Ge­schichte "bewusst zu erleben", aber weder darf man ihm Identifikationsmu­ster vorschreiben noch ihn gar durch Verordnung zur Heimatliebe zwingen.  

Im Zeitalter der industriellen Massengesell­schaft und angesichts der zunehmenden internationalen Verflechtungen kann der Heimatbegriff sich nicht mehr an der Statik der vormodernen Agrargesellschaft orientieren. Heimat im ausgehenden 20. Jahrhun­dert ist eben nicht mehr nur Dorfidylle, die es wohl in Wahrheit überhaupt nie gab, son­dern ebenso Industrierevier und großstädtischer Ballungsraum.

Heimat heute ist nicht nur schöne, son­dern auch gefährdete Landschaft, nicht nur schmuckes, sondern auch verunstaltetes Dorf, Heimat heute wird vermarktet und bis zur Unkenntlichkeit touristisch erschlossen. 

Hermann Bausinger beschreibt dieses komplizierte Wechselspiel von Distanz und Anziehung treffend:

"Heimat ist immer ein Stück weit durch Abgrenzung definiert: das sind wir, das ist unser Ort, unser Quartier, unser Viertel, unsere Stadt - dort sind die anderen. Aber wo die Fremde in den eigenen Ort hineinragt, entsteht Heimat nicht durch ängstlich-aggressives Revierverhalten, das die Zugänge sperren möchte und doch nicht kann, sondern durch Integration. In vielen Fällen geht es darum, auch für die Fremden die Möglichkeit zu schaffen, dass sie heimisch werden können. Die Fremden - das sind heute im allgemeinen die Arbeitsimmigranten aus der Türkei, aus Jugoslawien, Italien und Griechenland, vielleicht auch Asylanten aus ferne­ren Weltteilen. Früher, bald nach dem Krieg, waren es Flüchtlinge, von denen schon fast niemand mehr spricht, ganz früher noch weiter zurück waren es unter anderem die Juden". 

Da Heimat als „erlebte und gelebte Zeit“ immer auch historisch geworden ist und stets auch in der Zeitdimen­sion erfahren wird, werden hier auf Tradition und Geschichte gestützt Identitätsprozesse angeregt.  

Heimat enthält nämlich nicht nur ein für die Persönlichkeitsentwicklung entscheidendes Identitätsangebot, das gerade bei der Ausbildung der Emotionen eine große Rolle spielt, sondern sie bildet auch den wirksamsten Erfahrungshinter­grund, auf den sich regionales Geschichtsbewusstsein aufbauen lässt. 

Die Frage nach den Chancen von Heimat, kleinen Räumen und Regionen im europäischen Verbund beschäftigen uns in den letzten Jahren mehr und mehr.  

Offene Grenzen lassen auf Wiederbegegnung und Verständi­gung hoffen. Verlorene alte Heimaten sind wieder zugänglich, die Verbindungen zwischen den verschiedenen Heimaträumen und ihren Menschen haben eine neue, grenzüberschreitende Qualität erlangt.  

Zugleich aber hat die Gefährdung von Heimat alle bisherigen Grenzen gesprengt und im ehemaligen Osteuropa Ausmaße erreicht, die zur Sorge Anlass geben und zugleich nach solidarischer Unterstützung verlangen.  

Europas Einheit in der Vielfalt kann, das steht für mich fest, nicht allein durch den Euro und eine zentrale Bürokratie erreicht werden, sondern muss sich vor allem in den Köpfen der Menschen vollziehen, als mentaler Prozess, bei dem das Geschichtsbewusstsein eine zentrale Aufgabe zu übernehmen hat.   

Im Wettbewerb um die Köpfe und Herzen der Menschen wird durchaus entscheidend sein, ob wir ein „Europa von unten“ an unseren Schulen vermitteln können, in dem Heimat, Region und Land noch ihren Stellenwert behalten, in dem Dialekte, Hauslandschaften und Brauchtumspflege noch als förderungswürdig gelten, ob an unseren Universitäten Landesgeschichte und Volkskunde noch einen angemessenen Platz behalten, nicht nur als geduldete Nischenfächer, ob die Länder im Rahmen ihrer Kulturhoheit den Rundfunk auch weiterhin als Kultureinrichtung organisieren können oder nur noch als bloßes Wirtschaftsgut. 

 

Geschichtskultur und Geschichtsbewusstsein

Das reichhaltigste Übungsfeld für Geschichtserfahrung ist ohne Frage die engere Region, der heimatliche Raum. Besonders sinnfälligen Ausdruck findet die regionale Geschichtskultur in einer umfassenden Historisierung des Alltags und in einer zum Teil vehementen Diskussion über Heimat-, Regional- und Landesgeschichte.  

Geschichtskultur als „die Gesamtheit der Formen, in denen das Geschichtswissen in einer Gesellschaft präsent ist“ (Wolfgang Hartwig) oder als „praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewusstsein im Leben einer Gesellschaft“ (Jörn Rüsen) setzt mit ihren drei Dimensionen, der ästhetischen, der politischen und der kognitiven, mit Kunst, Macht und Wissenschaft, die entscheidenden Rahmenbedingungen für alle historischen Erscheinungsformen von Regionalität.

Eingeschlossen sind in den Begriff die Erinnerungskultur und eine Vielzahl von Institutionen, gesellschaftlichen Gruppierungen und Tätigkeitsfeldern. 

Diese Form einer„Public History“ oder einer „angewandten Geschichtswissenschaft“ hat nach Rüsen auch das Ziel, “die Sinnpotentiale der historischen Erkenntnis nicht im bornierten Sachverstand der Experten austrocknen zu lassen." 

Geschichtskultur und Geschichtsbewusstsein lassen sich als zwei Seiten einer Medaille begreifen, Geschichtskultur als kollektives, Geschichtsbewusstsein als individuelles Konstrukt, das sich in Internalisierungs- und Sozialisationsprozessen aufbaut. 

In ihm verknüpfen sich die drei Zeitaspekte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und die drei Kategorien der methodischen Analyse, des deutenden Sachurteils und der normativen Wertung.  

Damit setzt Geschichtsbewusstsein wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs notwendig voraus.  

Dieses Geschichtsbewusstsein stiftet nicht nur Identität, es legitimiert auch Ansprüche und Zustände, dient der Rechtfertigung und Begründung politischer Entscheidungen. Nicht zuletzt dient es der Orientierung, Geschichte wird so auch zur Lehrmeisterin. 

Der Aufbau von Geschichtsbewusstsein gilt als zentrale Aufgabe des Geschichtsunterrichts, dessen Kernleistung letztlich trotz unterschiedlicher geschichtsphilosophischer und theoretischer Konzepte in Reflexion und Sinnstiftung besteht. 

Diese drei genannten Funktionen des Geschichtsbewusstseins, die identitätsstiftende, die legitimierende und die orientierende, belegen zur Genüge den besonderen Bildungswert der Geschichte und reichen auch aus, um den durchgängigen und verpflichtenden Unterricht für das Fach Geschichte am Gymnasium plausibel begründen.

In der bayerischen Bildungspolitik war dies übrigens immer unbestritten und hat nun nach langer streitiger Auseinandersetzung auch für das achtklassige Gymnasium glücklicherweise wieder eine Bestätigung erhalten.

 

Landes- Regional- und Heimatgeschichte

Die wissenschaftliche Basis für alle Erfolge in der Geschichtskultur ist nach wie vor die universitäre Landes- und Regionalgeschichte, deren Pflege in Bayern bis vor kurzem im bundesdeutschen Vergleich opulent war.  

Landesgeschichtliche Lehrstühle und Professuren an jeder Landesuniversität, wissenschaftliche Kommissionen und Institute auch in den drei Stammesgebieten, ein Haus der bayerischen Geschichte und zahlreiche Historische Vereine, die in die Forschung miteinbezogen sind und zugleich Vermittlungsarbeit leisten, bestimmen noch das Bild. 

Bayerns Landeshistoriker erbringen eine auch international anerkannte Forschungsleistung, die sich auf eine Tradition von über hundert Jahren berufen kann. Auf das vergleichende Prinzip gestützt, interdisziplinär angelegt und mit europäischen Perspektiven ausgestattet, von der Vor- und Frühgeschichte bis zur Zeitgeschichte alle Epochengrenzen überschreitend, präsentieren sie sich als ein moderner und zukunftweisender Teil der Geschichtswissenschaften.  

Längst hat die Landesgeschichte auch ihr methodisches Profil gewandelt und den Weg genommen von der einstigen etatistischen Territorial- und Staatsgeschichte über die Gesellschafts - und Strukturgeschichte hin zu einer modernen Kulturgeschichte, die einst schon bei Karl Lamprecht ihren Ausgang nahm.  

Der Blick der landesgeschichtlichen Forschung hat auch seine Verengung auf Zentralorte, nationale Geschichte und große Männer längst abgelegt; nicht mehr nur Macht und Metropolen stehen im Zentrum, son­dern ebenso die "kleinen Leute" und die peripheren Räume, der Alltag der Menschen und ihre Lebensformen.  

Karl Bosl hat dieses Paradigma einer neuen Landesgeschichte bereits im Jahre 1953 in einem Vortrag mit dem aufschlussreichen Titel "Heimat- und Landesgeschichte als Grundlage der Univer­salgeschichte. Eine kleine Historik" überzeugend formuliert:  

"Am konkretesten erfassen wir den Geschichtsträger "Mensch" im kleineren Lebenskreis (Familie, Sippe, Stamm, Volk, Heimat), am wirksamsten greifen wir ihn auf der Ebene des Staates. In sol­chem Sinne wird Heimat- und Landesgeschichte sachlich und methodisch Grundlage einer Uni­versalgeschichte, in diesem Sinne wird Historia zur vitae magistra, harte nüchterne Lehre und ge­schichtsbestimmende Macht, weil sie das Wesen der historischen Individualität und Gemeinschaft am Einzelfall aufzeigt und weil sie bewusst macht, wie Geschichte in einfachster Form geschieht. Auf dem Wege von der Heimat- zur Universalgeschichte erblicken wir die verschiedensten Seiten, Stufen und Grade des Menschseins." 

Darüber hinaus unterstützen Bayerns Landeshistoriker die Vermittler an den Schulen, in der Geschichts-, der Denkmal- und der Heimatpflege und im Tourismus mit fachlichem Rat.

Für Bayerns regionale Kulturarbeit sind sie damit unverzichtbare Einrichtungen, die nicht nur dem bayerischen Selbstverständnis in seiner regionalen Gliederung entgegenkommen, sondern auch Bildungsstandards sichern und wissenschaftliches Know How transferieren.   

Dieses Bayern, einst ein Leuchtturm landesgeschichtlicher Forschung und Lehre für alle anderen Länder der Bundesrepublik, läuft freilich gegenwärtig unter dem Vorzeichen der Autonomie der Hochschulen Gefahr, einem seit Jahrzehnten gepflegten Wissenschaftsverständnis untreu zu werden. 

Rückstufungen und Zusammenlegungen landesgeschichtlicher Lehrstühle und Professuren gehören zu Normalfall, meist von inneruniversitären Eigennutz getragen und einem grassierenden Modernisierungswahn getrieben. 

Die Universität Passau etwa liefert inzwischen das traurige Beispiel einer völligen Abwicklung der Fächer mit regionalem Bezug. Damit ist Niederbayern der erste Regierungsbezirk Bayerns, dessen Geschichte und Kultur nicht mehr durch qualifizierte akademische Einrichtungen erforscht und gepflegt wird. 

An meiner eigenen Universität in Eichstätt wird die Landesgeschichte heruntergestuft und als zukunftsweisende Kopfgeburt ein natürlich modularisierter Studiengang namens „Glocal Studies“ kreiert, in dem Globalisierung und Regionalisierung eine wundersame verbale Verbindung eingehen.  

In München sind offensichtlich die Bayerische Literaturgeschichte und die Bayerische Rechtsgeschichte überflüssig geworden, die Bodendenkmalpflege darbt und auch die regionale Museumsförderung hat bedrohliche Einbußen hinnehmen müssen.

Und wie die Landesgeschichte in Bamberg und Augsburg abschneidet, bleibt noch abzuwarten. 

Der Kulturstaat Bayern kann aber auf die Landesgeschichte auch künftig nicht verzichten, weder auf ihre wissenschaftliche Methode noch auf ihren Beitrag zur regionalen Identität.

Wer dies ändern will, muss wissen, dass er damit nicht nur das historische Gedächtnis unseres Landes beschädigt, sondern auch einem regionalen Geschichtsbewusstsein den Boden entzieht, von dem das tradierte bayerische Selbstverständnis existenziell abhängt. Wer künftigen Geschichtslehrern die landesgeschichtliche Ausbildung verweigert, nimmt künftigen Generationen nicht nur ein fundamentales Identifikationsangebot, sondern legt auch die Axt an den deutschen Föderalismus. 

Trotz aller Sparnotwendigkeiten muss daher eines klar sein: Der Verband bayerischer Geschichtsvereine und die in ihm zusammengeschlossenen über 200 Historischen Vereine, die auf dem Felde der regionalen Geschichtspflege seit langem tätig sind, wollen keine Zukunft, in der an die Stelle eines fundierten Geschichtsbewusstsein ein bayerischer Kommerz - Folklorismus tritt, und sie wollen mit ihrem ehrenamtlichen Engagement auch künftig langfristige Lern- und Identifikationsprozesse unterstützen und nicht kurzzeitigen Verwertungsinteressen dienen. 

Die Ausführungen des Bayerischen Ministerpräsidenten zu einer Ausstellung, die sich dem eher marginalen Ereignis der Erhebung Bayerns zum Königreich widmet, lassen immerhin hoffen.

Dort nämlich heißt es: „Geschichte, und ganz besonders Bayerische Landesgeschichte, ist und bleibt daher eine wichtige und lohnende Aufgabe für die Forschung und die Lehre an unseren Universitäten. Aber auch die vielen lokalen Geschichtsvereinen mit ihren engagierten Mitgliedern leisten für die Vermittlung unserer Regional- und Landesgeschichte enorm viel. Sie alle helfen mit, dass uns unsere Geschichte lebendig und begreifbar bleibt.

Ich danke deshalb allen, die sich für die Pflege des bayerischen Geschichtsbewusstseins einsetzen. Landesgeschichte ist nach Überzeugung der Bayerischen Staatsregierung und auch nach meiner persönlichen Überzeugung ein notwendiger Teil der bayerischen Identität und ein unverzichtbarer Bestandteil des allgemeinen Bildungsauftrags unserer Schulen.“

 

Geschichtsvereine

Die Historischen Vereine sind nach wie vor besonders wichtige Garanten für ein regionales Geschichtsbewusstsein.

Die Kassandrarufe, die ihnen als überholte bürgerliche Relikte eine baldiges Ende prophezeiten, sind längst verhallt, die Zerrbilder von den spießigen Honoratiorenclubs oder den langweiligen Versammlungen der Ewiggestrigen spielen kaum mehr eine Rolle.

Sie fügen sich ein in eine bezeichnende Negativliste, die in den 60er und 70er Jahren zum Standardprogramm einer antibürgerlichen Gesellschaftskritik gehörte und nur in Nachklängen gelegentlich noch zu vernehmen ist.  

Wie viele unserer Kultureinrichtungen sind die Geschichtsvereine in der Tat Kinder der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, Produkte einer fruchtbaren Bürgerkultur, derer wir uns keineswegs zu schämen brauchen.  

Ohne das bildungsbürgerliche Engagement der Historischen Vereine nämlich sähe unsere regionale Kulturlandschaft sehr viel bescheidener aus, wäre es um die Geschichtskultur unseres Landes weitaus schlechter bestellt. 

Diese Vereine waren und sind im übrigen keineswegs so heillos reaktionär wie es uns die 68er-Bewegung glauben machen wollte, in deren Gefolge der Begriff „bürgerlich“ bis heute unter einer pejorativen Konnotation leidet.  

Georg Kunz hat in seiner ebenso kritischen wie vorzüglichen Dissertation mit dem Titel „Verortete Geschichte“ vielmehr nachgewiesen, dass die Geschichtsvereine nicht nur der Tradition, sondern auch dem Fortschritt verpflichtet waren: „Die von den Historischen Vereinen des 19. Jahrhunderts getragene regionale Geschichtskultur hatte also keine eindimensionale Ausrichtung: In konservativem Sinne war sie Bestandteil antimodernistischer Traditionsbildung, im etatistischen Sinne Legitimationsinstrument für staatliche Herrschaft und staatliche Reformmaßnahmen und im ´liberal - progressiven´Sinne historiographisches Argumentationsmittel bürgerlicher Emanzipationsbestrebungen.“ 

Wo aber liegen heute die spezifischen Aufgaben und Funktionen von Geschichts- und Heimatvereinen?  

1. wissenschaftliche Funktion 

Zunächst sind und bleiben sie auch weiterhin Teil der landesgeschichtlichen Forschung, Teil eines wissenschaftlichen Netzwerkes, in dem interdisziplinäre Zusammenarbeit praktiziert, die realienkundliche, insbesondere auch die bildliche Überlieferung Beachtung findet und die intensive Erschließung des Nahraumes durch Exkursionen regelmäßig praktiziert wird.  

Ohne die kontinuierliche Publikationsleistung der historischen Vereine wäre auch die Geschichte des Landes Bayern nicht zu erforschen, würden Stadtjubiläen und historische Feste entfallen, Stadtgeschichten ungeschrieben bleiben.  

Das enge Zusammenwirken zwischen den Vereinen und den Einrichtungen der landesgeschichtlichen Forschung, den historischen Kommissionen und den landesgeschichtlichen Instituten, ist weiterhin für beide Seiten von Bedeutung.  

Trotz der zunehmenden Professionalisierung in allen Kulturbereichen sind die historischen Vereine als Institutionen von Forschung und Vermittlung nach wie vor unverzichtbar, in Zeiten knapper Kassen übrigens mehr denn je.  

Mit ihren Publikationen, deren Tauschverkehr gelegentlich sogar europäische Dimensionen annimmt, leisten sie wissenschaftliche Grundlagenarbeit, mit Vorträgen und Exkursionen dienen sie der wissenschaftlich abgesicherten Volksbildung. Und auch in der Museumsarbeit und in der Denkmalpflege sind sie weiterhin wichtige Partner, als ehrenamtliche Mitwirkende ebenso wie als Finanziers, die Sachkunde mit Engagement verbinden. 

Als zentrale Aufgabe, bei der die Geschichtsvereine ihre Kräfte bündeln und auf Landes- und Bundesebene kraftvoll agieren müssen, kristallisiert sich immer mehr der Erhalt der Landesgeschichte in Wissenschaft und Unterricht heraus.  

Letztlich müssen wir „Lobbyisten für Geschichtsbewusstsein“ der Öffentlichkeit deutlich machen, dass unser föderatives politisches System vom Wissen um „Land und Leute“ abhängig ist und dass sein Weiterbestehen ohne die Vermittlung von lokal-, regional- und landesgeschichtlichem Wissen erheblich gefährdet ist. 

2. gesellschaftliche Funktion 

Gleiches Gewicht hat inzwischen ein anderer Aufgabenbereich erhalten, der immer schon Bestandteil des Vereinslebens gewesen ist: Bildung und Geselligkeit. 

Eine klare Bildungsorientierung hat ohne Frage Zukunft, vor allem dann, wenn sie neue Formen der Vermittlung erprobt, erlebnishafte Angebote nicht scheut und zugleich zu aktiver Mitgestaltung einlädt.  

Für geschichtliches Orientierungswissen und historische Beratung besteht ebenso ein Bedarf wie für unterhaltsame Bildungsangebote, etwa durch Vorträge, Fahrten, Diskussionen, Seminare, Aktionen u.a.m.  

Eine zur Oberflächlichkeit neigenden Erlebnisgesellschaft ist dringender denn je angewiesen auf Substanz, Kompetenz und Qualität. Dass diese Form der Popularisierung nicht langweilig sein muss, dass Bildung mit Unterhaltung durchaus zusammengeht, dass Wissenserwerb auch Vergnügen bereiten kann, belegen viele erfolgreiche Beispiele aus der Praxis der Vereine.  

Seit ihren Gründungstagen sind die Vereine zugleich auch Orte der Geselligkeit und der Begegnung, der Begegnung mit dem heimatlichen Raum, mit Menschen, die gemeinsame Interessen und Vorlieben zeigen, der Begegnung aber auch zwischen Laienforschern und Fachhistorikern, zwischen Geschichtsinteressierten, Heimatpflegern, Naturschützern und Freunden von Kunst und Kultur.  

Damit tragen sie wie wenige andere Einrichtungen dazu bei, der institutionellen Zersplitterung und der Segmentierung unseres Wissens entgegenzuwirken. 

In Zusammenarbeit mit allen, denen Geschichte und Gegenwart ihrer Heimat am Herzen liegt, fördern die historischen Vereine daher auch die regionale und lokale Vernetzung und unterstützen damit auch umfassende, ganzheitliche Betrachtungsweisen, die für die Erhaltung von Kultur und Natur unverzichtbar sind.  

Die Vereine haben überdies in der Vergangenheit immer wieder auch ihre Integrationskraft bewiesen, nach 1945 etwa bei der Aufnahme der Flüchtlinge und Vertriebenen, unter denen sich später oft die aktivsten Mitglieder fanden. Aber sie haben auch noch manche Aufgaben vor sich, wo sie ihre Qualität als „Gedächtnisorte“ unter Beweis stellen können, die aus ihrer Gegenwart Fragen an die Geschichte richten. 

Diese Integration bisher vernachlässigter und daher auch unterrepräsentierter Gruppen wird uns insgesamt mehr beschäftigen müssen. Auch Ausländer und Aussiedler haben in historischen Vereinen ihren Platz, Singles und Senioren sind als eigenständige Zielgruppen ernst zu nehmen, und gegen das viel beklagte Fehlen weiblicher Mitglieder und junger Leute sollten ebenfalls wirksame Konzepte entwickelt werden.  

Um dem umfassenden Anliegen einer Förderung der Regionalkultur mehr Wirksamkeit und Nachdruck zu verleihen, gilt es außerdem, Kooperationsmodelle und Netzwerke zwischen den verschiedenen Vereinigungen und Verbänden der Kultur, der Kunst, der Heimat- und Denkmalpflege und des Naturschutzes zu entwickeln, durchaus im Rückgriff auf die „Mentalität der Rettung“ (Thomas Adam), die im 19. Jahrhundert zur Entstehung bürgerlicher Geschichts- und Altertumsvereine geführt hat. 

3. politische Funktion 

Auch die politische Funktion gehört von jeher zum Kernbereich der Vereinsaktivitäten.  

Als historisches Gewissen einer Region, als Lobbyisten für Geschichtsbewusstsein und Geschichtsinteresse und als Verfechter einer wissenschaftlichen Landes- und Regionalgeschichte waren und sind die Heimat- und Geschichtsvereine niemals unpolitisch.  

Das Spektrum der erforderlichen Aktivitäten hat sich nach der Wiedervereinigung sogar ausgeweitet, und im europäischen Kontext zeichnen sich zusätzliche neue Aufgabenfelder ab.  

Das Potential der Kulturvereine ist zusammengenommen durchaus groß genug, um auch bei Leuten Eindruck zu machen, die sonst für Regionalkultur nur ein abschätziges Lächeln übrig haben und Menschen über 50 Jahren als Kunden nicht mehr ernst nehmen, wie etwa weite Teile der privaten Medien. 

Die Geschichtsvereine sind damit auch längst, meist ohne es selbst zu wissen, ein besonders stabiler und zuverlässiger Teil einer von ehrenamtlich Engagierten getragenen Bürgergesellschaft, die inzwischen immer häufiger als Garant für ein künftiges Europa beschworen wird, das auf Bürgernähe und Partizipation aufbaut.  

Vielleicht liegt gerade in der Verbindung von historischer Kompetenz und ehrenamtlichem Engagement, das in Zeiten knapper Kassen für den Erhalt einer lebendigen Regionalkultur unverzichtbar ist, sogar die entscheidende gesellschaftliche und politische Aufgabe der Geschichtsvereine. 

Zu diesem Zwecke müssen sie mahnen und anregen, Gegenwartsinteressen artikulieren und organisieren und sie in Bezug zu Vergangenem setzen. Ihre große Chance besteht darin, ein Forum zu bieten für Bürgerbeteiligung in überschaubaren Lebenswelten, für aktive kulturelle Betätigung, für ehrenamtliches Engagement im Dienste der Gemeinschaft, für das in unserer Gesellschaft ein sehr viel größere Bereitschaft besteht als gemeinhin angenommen wird.

Bei der noch ausstehenden mentalen Wiedervereinigung Deutschlands kommt den Geschichtsvereinen ebenso eine Aufgabe zu wie bei der europäischen Kulturentwicklung.

Alte historische Verbindungslinien, Städte- und Schulpartnerschaften, Patenschaften und Projekte, aber auch der klassische Tauschverkehr, Besuche und Informationsaustausch leisten bereits gute Dienste und werden weiter entwickelt.

So wird sich aus vielen Einzelfäden sicher ein europäischer Kulturteppich weben lassen, der das bunte Muster der Vielfalt zeigt und nicht das entstellte Gesicht einer vom ökonomischen Fetisch „Globalisierung“ erzwungenen Einheitswelt. 

 

Wir benötigen  dieses bürgerliche Engagement dringender denn je, weil die Regionalkultur heute in hohem Maße bedroht ist, durch einen blindwütigen Ökonomismus ebenso wie durch einen grassierenden Globalisierungswahn, die beide an den Bedürfnissen und der Alltagswirklichkeit der Menschen in unserem Lande vorbeigehen. 

Die daraus resultierenden Folgen können die Geschichtsvereine in Bayern nicht kalt lassen, zerstören sie doch alles, was ehrenamtliches Bemühen in vielen Jahrzehnten hat wachsen lassen. Mit der Demontage der gewachsenen Strukturen regionaler Forschungs- und Bildungsarbeit geht nämlich die Grundlage verloren, auf der Heimat, Region und Land noch ein geistiges Fundament finden können, mit der Marginalisierung des historischen Bezugs in Schulen und Hochschulen verliert auch der deutsche Föderalismus seine eigentliche Basis. 

Jean Amery, der Jude und Emigrant, der am Verlust der Heimat zerbrochen ist, hat dieses Bedürfnis der mentalen Verortung mit Worten sehnsuchtsvoller Trauer beschrieben: "Wir brauchen ein Haus, von dem wir wissen, wer es vor uns bewohnt hat, ein Möbelstück, in des­sen kleinen Unregelmäßigkeiten wir den Handwerker erkennen, der daran arbeitete. Wir brauchen ein Stadtantlitz, das zumindest schwache Erinnerungen weckt an den alten Kupferstich im Museum. Für die Städteplaner von morgen, aber nicht nur für sie, sondern auch für die ohnehin nur auf Abruf an topografischen Punkten siedelnden Bewohnern wird die Realität einer Stadt in den statistischen Tabellen bestehen, die eine demografische Entwicklung vorausnehmen, in den Bauplänen und Ent­würfen neuer Straßen. In unser Bewusstsein aber dringt sie in ihrer Gesamtheit als Wirklichkeit im­mer noch durchs Auge ein - des alten Gottfried Kellers liebe Fensterlein" - und wird verarbeitet in einem mentalen Prozess, den wir das Erinnern nennen."

 

Tun wir alles, damit auch unseren Kindern und Enkeln noch Erinnerungswürdiges erhalten bleibt und dass auch sie noch Gelegenheit haben werden, „das Ganze im Kleinsten zu erblicken“. 

Eigentlich, so werden Sie denken, sollte ich nun das Podium verlassen, denn nach einer doch ziemlich langen Redezeit bedarf es keines Nachschlages.

Aber da ich nicht nur als Festredner hier stehe, sondern auch als Gratulant, ergreife ich nochmals das Wort, um eine kleine Ehrung anzuschließen, die einen wohlverdienten Man auszeichnen soll und zugleich als Geburtstagsgeschenk gewertet werden darf.

 

Prof. Dr. Manfred Treml

 

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